Das Wolgasthaus als Fertighaus-Stammvater

Wenn jemand gefragt wird, ab wann es denn in Deutschland Fertighäuser gibt, so wird er wahrscheinlich auf die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts tippen, als die Fertighausproduktion neuerer Bauweise in der jungen Bundesrepublik als preiswerte Alternative zum „Nassbau“ Fuß fasste. Dass die Fertighäuser von 1964 mit denen heutiger Bauweise und heutigen Baustils rein gar nichts mehr zu tun haben, steht auf einem anderen Blatt. Nein, es waren nicht die sechziger Jahre, sondern die 90-er Jahre des vorvorigen Jahrhunderts, als die sogenannten Wolgasthäuser aus industrieller Vorfertigung aufkamen und nicht nur im damaligen Deutschen Reich, sondern weltweit aufgebaut wurden.

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Wolgast ist eine Kleinstadt in Ostvorpommern, die sich heute werbewirksam als Herzogstadt bezeichnet. Die von der „Wolgaster Actien- Gesellschaft für Holzbearbeitung“ gefertigten Häuser haben zwar durchaus einen optischen nordisch-russischen Einschlag, aber mit der Wolga nichts zu tun, wie man rätseln könnte, wenn man vor einem Wolgasthaus steht wie der hier im Foto gezeigten Villa aus Binz auf Rügen. 1868 als „Holzfabrik“ gegründet, hatte das Unternehmen zwischen 1890 und 1910 seine Blütezeit und beschäftigte bis zu 150 Arbeiter, die meisten davon Zimmerleute, wie sie ja auch heute noch in die Produktion moderner Fertighäuser eingebunden sind.

Wolgasthäuser waren „zerlegbar“, wie es ein dreisprachiger Prospekt aus dem Jahr 1892 erklärt. Und so konnten die Häuser, in Einzelteile zerlegt, bis nach Deutsch-Ostafrika und Südamerika exportiert werden. 1893 wurde auf der Weltausstellung in Chicago ein Wolgasthaus aufgebaut. Dieses Holzhaus in Fertigbauweise steht heute in Bad Ischl, dort, wo der jagdbesessene österreichische Kaiser Franz Josef II in seinem Jagdschloss residierte, wenn er mal wieder auf die Pirsch gehen wollte. Man darf aus bautechnischer Sicht hinzufügen: Ein Haus, das den Transport und den Auf- und Abbau in Chicago „astrein“ übersteht, dann den Rückweg über den Großen Teich antritt, vom Schiff auf die Eisenbahn umgeladen und schließlich im Salzkammergut wieder aufgebaut wird, wo es bis heute als Wohnhaus dient: Ein solches Haus ist deutsche Wertarbeit! Um 1900 gab es also so etwas wie einen „Hype“, was die malerischen Wolgasthäuser betrifft, die trotz Anleihen beim Schweizerischen und dem nordisch-russischen Baustil irgendwie unverwechselbar sind. Wer das nötige Geld hatte, ließ sich ein Wolgasthaus auf Rügen oder am Wannsee errichten. Dutzende davon stehen auch heute noch in der deutschen Landschaft und die meisten davon stehen unter Denkmalschutz.

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Nach dem 1. Weltkrieg ging es mit der Wolgaster Actien-Gesellschaft bergab. In der Weltwirtschaftskrise gerieten tausende Unternehmen in den Bankrott, die Wolgaster AG kümmerte vor sich hin und beschäftigte sich zuletzt nur noch mit dem Bau von Fenstern. In der deutschen Architekturgeschichte haben sie aber einen festen Platz. Das Wolgasthaus ist unbestritten der Stammvater des deutschen Fertighauses. Und wer einmal in einem Wolgasthaus seine Ferien verbringen will, der kann die hier im Foto gezeigte Villa Undine in Binz wochenweise mieten.

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